Palais de la Colline de Venus - Ausloten


  • Draussen ging ein gewaltiges Gewitter nieder. Es krachte und prasselte. Madame Mere stand vor der großen Gartentür in ihrem Salon im Erdgeschoss und schaute hinaus.


    Sie war eine der wenigen Frauen Ende Fünfzig, die kurze Röcke tragen konnte und das mit Würde, ohne das es billig aussah. Allerdings war das seit Jahren nicht mehr so ganz ihr Stil. Seit dem Tod ihres Mannes, hatte sie darauf weitestgehend verzichtet und gab die trauernde Witwe. Schwarz in schwarz, so auch an diesem späten Nachmittag. Sehr hohe Pumps, feine schwarze Nylons, besagter Minirock und eine einfache schwarze Bluse. Ein kleines, goldenes Kreuz an einer dünnen Kette um den Hals, den Ehering am Finger. Das schwarze Haar trug sie offen und glatt. Der Farbe musste inzwischen etwas nachgeholfen werden, doch das sah man nicht. Den linken Arme unter der Brust auf den Bauch gelegt, den rechten angewinkelt darüber, mit einer Zigarette in der Hand. Es klopfte. Ihre Zofe öffnete die Tür. Der Herr Polizeiminister, Majestät. Gerade noch ernst und mit eisigem Blick, drehte sich Madame Mere um und war wie ausgewechselt.


    Mein lieber Kylian. Schön Dich zu sehen.

  • Er hatte seinen alten aber tiptop gepflegten Stolz-Neuss Cornichon gerade noch unter dem Vordach einer Remise trocken abstellen können, als es wie aus Kübeln goss. Lässig holte er einen Schirm aus dem Kofferraum und ging eilig zur offenen Tür der Burg. Sofort nahm man ihm den Schrim ab und führte ihn zum Salon der Frau, die er einmal geliebt hatte und vielleicht sogar noch liebte. Seit Eleonor vor ein paar Tagen angedeutet hatte, dass er vielleicht, möglicherweise, eventuell der Vater Leonors sein könnte, hatte er nicht mehr richtig geschlafen und seit dem Anruf gestern Abend, dass sie ihn sehen wollte, erst recht nicht. Elegant, aber wie immer altmodisch, gekleidet, betrat er den gemütlich eingerichteten Salon und sah eine immer noch schöne Frau, Sein Herz wurde schwer. Mit einer tiefen Verbeugung küsste er andeutungsweise ihre Hand.


    Majestät


    Mehr sagte er nicht. Hier war er nicht der unheimiche Polzeiminister, sondern ein Mann einfach nur fasziniert war.

  • Ein professionelles Lächeln umspielte ihre Lippen. Mit einer eleganten Handbewegung deutete sie an, dass Fouche sich setzen sollte. Ganz Kavalier der alten Schule, wartete er bis Madame Mere sich gesetzt hatte und nahm dann erst Platz. Aus ihren noch immer aktiven Quellen hatte Elenor erfahren, dass Kylian Fouche bei seiner derzeitigen Chefin nicht sonderlich gut angesehen war. Da diese Chefin gleichzeitig die Geliebte ihrer Tochter, der Kaiserin war, machte diesen Umstand hochinteressant. Denn Anielle Saint-Just konnte auf Grund ihrer guten "Beziehungen" zur Kaiserin, ganz schnell einen neuen Minister ernennen lassen und Valerie würdes es tun, so meinte zumindest Madame Mere. Da hatte sie doch das vermeintlich besser Angebot in der Tasche. Er würde aufsteigen und vielleicht selbst zum Connetable d'Otremer werden, wenn, ja wenn Leonor auf dem Thron sitzen würde. Aber ersteinmal Smaltalk.


    Ich freue mich wirklich Dich zu sehen, Kylian. Wir haben uns in letzter Zeit etwas aus den Augen verloren.


    Es lag vielleicht daran, dass Eleonor ihn nicht brauchte. Doch jetzt, wo Valerie ihr den Kampf angesagt hatte, war es wichtig Verbündete zu haben.

  • Seine Schwärmerei hatte er wieder im Griff. Er kannte die Kaiserinmutter nur zu gut und wusste das er aufpassen musste, um nicht in eine ihrer Ränkespiele verwickelt zu werden. Die Zeiten hatten sich geändert, seit dem sie eine kurze Phase gegenseitiger Zuneigung genießen durften. Man konnte es auch in einer Gleichung zusammen fassen, was damals geschehen war: Kylian war da, Eugene nicht! Kurz und heftig.


    Das sollen wir vielleicht ändern. An mir sollte es nicht liegen.


    Seine Spürnase verriet Fouche, dass er nicht nur der alten Zeiten willen, eingeladen worden war. Madame Mere hatte Probleme mit ihren Töchtern. Erwartete sie tatsächlich, dass er ihr half die Kaiserin vom Thron zu entfernen?

  • Merkwürdig einsilbig, dachte sich Eleonor. Fouche war vorsichtig, wie immer. Sie wollte ihn aus der Reserve locken.


    Wir sollten so vieles in unserem Reich ändern! Seit Valerie Kaiserin ist, stagniert das Reich. Sie trifft kaum Entscheidungen und wenn dann oft genug die falschen. Das liegt auch an ihren Beratern. Serville, Ridefort, Duroc und vor allem dieses Weib, diese Saint-Just. Ist diese Walküre nicht deine Chefin? Das ich nicht lache! Du gehörst auf diesen Posten! 


    Wieder setzte sie ihr zynisches Lächeln auf.

  • Ein wenig geschmeichelt fühlte er sich schon, doch er wusste ganz genau, dass dieser Posten die Möhre war, die ihm vorgehalten wurde, damit er auf trab kam. Eleonor hatte es noch nicht aufgegeben. Sie brauchte ihn. Fouche hatte sich nur deshalb so lange auf dem Posten des Polizeiministers halten können, weil gnadenlos kompetent seine Arbeit versah und weil er sich aus der Tagespolitik heraushielt, sich nie festlegte. Aber diese Jahre waren nicht spurlos an Fouche vorbei gegangen. Nun fühlte er sich alt und ein wenig verbraucht, dachte zeitweise sogar an Rücktritt. Fouche hatte keine Lust mehr auf Ränkespiele und Hinterzimmerintrigen.


    Du schmeichelst mir sehr, Eleonor. Aber man muss sich fragen, ob eine solche Stelle etwas für einen Mann von feiner Lebensart ist?


    Er versuchte es mit Humor, seiner ehemaligen Traumfrau eine Absage zuerteilen.

  • Es wurde Zeit für den unfairen Tiefschlag. Eleonor hoffte ihren Ex-Geliebten damit auf ihren Kurs zu bringen.


    Ist Dir Valerie inzwischen wichtiger als dein eigen Fleisch und Blut?


    Tonlos und ohne jede Regung setzte sie zum vermeintlich finalen Angriff auf die moralische Festung Fouche an.

  • Kyilan ließ sich nicht anmerken, wie tief sie ihn mit dieser Bemerkung traf.


    Valerie ist meine Kaiserin! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.


    Er war im Begriff zu gehen.


    Und was bringt es, wenn Leonor ihr folgen würde? Ein weiteres Kind auf dem Thron! Genau das würde ich meinem eigen Fleisch und Blut nicht antun wollen. Selbst dann nicht, wenn man mich zum Regenten machen würde. Du solltest mich gut genug kennen, Eleonor. Meine Treue gehört der Kaiserin, wie sie zuvor ihrem Vater, deinem Mann, gehört hat!


    Langsam erhob er sich und ging zur Tür. Mit der Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal zu Madame Mere um.


    Eleonor mach es Dir doch nicht so schwer! Genieße dein Leben!


    Er spürte das er sie immer noch liebte. Es war besser zu gehen.


    In seinem Wagen brauchte Fouche einen Moment bevor er den Motor startete. Sein altes Kassettengerät spielte Frank Sinatras My Way. Sein trauiges Lächeln wurde zum lauten Lachen. Bei Gelegenheit würde er einen DNA-Test machen lassen. Sicher ist sicher.

  • Wut stieg in Eleonor auf. Wütend auf sich selbst, weil sie sich so weit aus dem Fenter gelehnt hatte und wütend auf Fouche, weil er sie so eiskalt hatte auflaufen lassen. Für ihre Pläne sah es düster aus. Allerdings ging sie davon aus, dass Fouche nicht gleich zur Kaiserin rannte, um sie dort anzuschwärzen. Trotzdem musste Eleonor von nun an vorsichtiger sein. Auf keinen Fall, wollte sie ihrer Tochter die Chance geben, sie zum einen einzusperren und zum anderen von der Vermögensverwaltung der Familie Beauharnais auszuschließen. Versucht sich mit Calvados von dieser Schlappe zu erholen, goß sie sich einen doppelten ein. Als die Hand dabei zitterte, schob sie das volle Glas beiseite und stellte die Flasche zurück. Es wurde Zeit nicht davon loszukommen. Es wurde Zeit, mal wieder diese verschwiegene Entzugsklinik aufzusuchen.

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