Gate 12: Ankunft der Linienflüge aus Lothander (Anturien)

  • Mathieu Du Lac war, nur mit einem Handkoffer in der einen Hand, und dem Buch "Eine kleine Geschichte von Corinnis" in der anderen angekommen. An Bord hatte er Mispelsaft getrunken, ein Kandidat mehr in der Reihe: Merkwürdige Getränke, die man nur in Flugzeugen trinkt.

    Er packte das Buch sorgfältig weg, während die Menge um ihn zur Gepäckausgabe strömte. Dann nahmer seinen anturischen Reisepass, der ganz neu und ohne weitere Stempel war, aus seiner Brustasche und ließ sich Richtung Zoll treiben.

  • Mit geübtem Blick hatte Lucien den Anturier allein schon an seinem Reisepass erkannt, war doch in den letzten Tagen ein gewisser Aderlass der anturischen Männlichkeit ins Empire Outremer eingesickert was sicher dem neuen, weil alten Regierungssystem geschuldet war. Dieses war nämlich nach dem Eingreifen der Alliance de la Baguette im letzten Jahre geschuldet, hatte diese doch nicht nur die kommunistischen Horden, wie sie zumeist in den Medien Outremers genannt wurden, erfolgreich geschlagen, nein, sie hatte auch das eigentlich überkommenen Herschaftssystem der oligarchischen Adelsrepublik dahingehen gestärkt, dass nun wieder die sieben Archontinnen im sogenannten Tableau de Merles das sagen hatten. Und dies verpaute Männern jedwede politische Karriere. Blieben also Forscher oder Soldat wenn man was im Kopfe hatte und wenn es einem auch nichts ausmachte, wenn man gesagt bekam, was man denn forschen durfte und wo man denn zu sterben hatte. Dahin einen höheren Plan zu vermuten überlassen wir an dieser Stelle den Lesenden um hier einmal freudlich herumzugendern. Kommen wir lieber zum jungen Malatesta der mit dem gleichen Flieger aus Lothander gekommen war wie der Mann der eben vor ihm in der Passkontrollschlange stand. Zu verzollen hatten beide nichts was niemanden wirklich verwunderte der an den schon oben nicht ausgesprochenen höheren Plan glaubte, doch auch ohne diesen, waren die Kontrollen lächerlich lax. Als beide, die sich bislang in keiner Weise wahrgenommen hatten, ins Licht Outremers traten gab es nur ein einziges Taxi zu Auswahl, lag wohl an den guten Aerotrain-Verbindungen oder auch an den teuren Taxipreisen.

  • Es hatte einige Zeit gebraucht, bis Mathieu den Entschluss gefasst hatte, den Dienst zu quittieren und Anturien zu verlassen. Er war beides gewesen: Soldat und Wissenschaftler in einer unkoventionellen Marinespezialeinheit, die unter anderem mit der Abrichtung der Butzköpfe, also von Weißwalen, beschäftigt war.

    Soldatentum aber auch naturwissenschaftliches Interesse lagen beide in der Familie: Mathieus Mutter war eine bekannte Humanbiologin. Ihr Werk (" Die konstitutionelle Schwäche des Mannes und die Rolle der Endocrinocyti interstitiales ") oft und gerne zitiert.

    In letzter Zeit haderte Mathieu immer mehr damit, dass seine Butzköpfe nicht nur submarine Sabotageakte verhindern, sondern auch ausführen sollten, was ihr Ableben mit einschloss. Auch wenn ihm selbst die Idee des Heldentodes anerzogen worden war, für seine Schützlinge wünschte er das keineswegs. Das Schicksal der Wale war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte; im Fass selbst schwammen schon die sehr eingeschränkten politischen Karrierechancen für sein Geschlecht gepaart mit dem subtilen Drängen der Familie, den ruhmreichen Heldentod auch jetzt einmal aktiver anzustreben, anstatt sich hinter großen Fischen, Meeressäugern, verbesserte Mathieu in Gedanken, zu verstecken.

    Er kam ohne große Probleme durch den Zoll. Als er aus dem klimatisierten Gebäude nach draußen trat, sprang ihn die Frühlingswärme an wie ein Tiger. Dann stieß er fast mit einem bärtigen Herren zusammen, der wohl mit dem gleichen Flieger gekommen war, und nun genauso zielstrebig wie er selbst das einzige Taxi, das vor dem Flughafengebäude wartete, ansteuerte. Mathieu Du Lac hatte allerdings den Eindruck, dass er einen Tic schneller gewesen war, doch er wollte nicht ungefällig sein:

    "Guten Tag, wenn Sie wünschen, teile ich mit Ihnen gerne das Taxi. Mein Reiseführer empfiehlt das Hotel Savoy Truffle. Das würde dann mein Ziel sein. Du Lac mein Name."

    fast knallte er die Hacken zusammen. Ob der Andere auch ein Anturier war?

  • Wer du Lac hieß, der war Anturier, das war dem Grand Electeur natürlich klar und der Herr der ihm nun beim Taxistand ein Rennen hätte liefern können, war, so schätzte er zumindest ob seines Gepäcks, eher ein Auswanderer als ein Geschäftsreisender und würde, falls der Antrag im Konvent den der Seneschall einzubringen gedachte, wohl demnächst auch in Outremer zum Adel gehören worauf er sicherlich auch gewettet hätte.


    Lucien Malatesta mein Name, Grand Electeur für jeden den es interessiert. Seid mir willkommen in Outremer Lord du Lac.


    Wobei er sich wegen der Anrede nicht sicher war, Seigneurs Etranger hätte vielleicht besser gepasst. Aber egal


    Ein guter Vorschlag, ansonsten hätte ich euch den Vortritt gelassen.


    Was jetzt leicht zu sagen war. Als beide eingestiegen waren gab Lucien dem Fahrer eine Münze um dann einige Worte in oqcitanisch zu sagen was er gern tat, kaum einer verstand, ihn aber mit einer Aura des geheimnisvollen umwob die er schon manchmal genoss.


    Wenn ich die Entstehungsgeschichte eures Hauses richtig deute, dann stammt ihr zumindest dem Märchen nach von Lancelot du Lac ab. Glaubt man in Anturien daran? So mit allem? Mit Dame vom See, schicksalshaftem Ehebruch und Schwert und so?

  • Danke für das Willkommen, Exzellenz

    erwiderte Mathieu, während er sich im Taxi bequem machte und auf die exotisch anmutende Sprache horchte, dessen sich der Grand Electeur gegenüber des Taxisten bediente:

    War das gerade der Klang des schönen Oqcitanisch?


    Sein Reisebegleiter war außerordentlich informiert, was den anturischen Adel anging, und als er nun die Entstehungsgeschichte des Hauses Du Lac ansprach, lächelte Mathieu ein feines Lächeln, sah ihn über den Rand seiner Brille an und zuckte die Schultern:

    Man sagt es  fast seit achthundert Jahren, ja. Sir Lancelot und seine  unverbrüchlichliche Liebe zur Königin Guenièvre. Die Dame vom See und das Schwert von König Artus. Obgleich...

    einen kleinen Seitenhieb gegen weibliche Dominanz konnte er sich nicht verkneifen:

    ..ein Schwert aus der Hand einer dubiosen Dame nicht gerade eine solide Basis für eine Regierung darstellt, nicht wahr?

    er saß hinter dem Fahrer und versuchte eine bequeme Stellung für seine langen Beine zu finden:

    Wohin ist  der Grand Electeur des Empire Outremer heute ohne Eskorte und sozusagen bürgerlich  unterwegs?

    fragte er. Die Frage war nicht unangemessen: Schließlich saßen sie im gleichen Taxi.

  • Lucien lachte, was dann in ein resignierendes Grinsen umschlug und seufzte


    Exzellenz, das klingt, als schisse ich Marmor. Und oqcitanisch ist weder schön noch ich wichtig, aber das steht ja in keinem Reiseführer. Ich bin der kaiserliche Vertreter beim Senat was in der Realität bedeutet, dass die Kaiserin das meiste selbst und telefonisch klärt und ich mir bei den Sitzungen die Zeit stehlen lasse. Alles recht antiquiert, eher eine Sinekure als eine Aufgabe aber ich will nicht klagen. Doch eigentlich ... doch ich würde gerne klagen, ihnen aber nicht die Zeit stehlen. Ich könnte es ihnen bei Gelegenheit ja zeigen, ich bin morgen bei den Generalständen zu Gast, die Sitzung ist obskur öffentlich. Ich werde mir zwei Stunden anhören was die Marschälle, die in diesem Gremium zusammen sitzen.


    Die Resignation verschwand allerdings als ihm wohl ein Gedanke kam


    Sie sollten das im übrigen nicht wiederholen. Die Ghibellinen könnten <Schwert aus der Hand einer dubiosen Dame> auch falsch auslegen wollen. Vor allem wenn die Kaiserin jemanden zu irgendwas ernennt.

  • Es gehörte zu den Rätseln der anturischen Psyche, dass ein Volk, welches die Naturwissenschaft so verehrte, seinen Ursprung im Mythologischen suchte. Dabei kamen sie doch alle aus dem Meer. Wie seine Butzköpfe, die Weißwale. Nur dass diese dann wieder dorthin zurückgekehrt waren.

    Aus Dummheit oder wohlweislicher Überlegung, das wusste Mathieu nicht zu sagen.


    Ihr stehlt mir keineswegs die Zeit, im Gegenteil. Das ist alles sehr interessant. Ich wohne sehr gerne der morgigen Sitzung bei. Wie genau finde ich hin?

    er verneigte sich ganz leicht, als der Grand Electeur lachte. Auch er grinste, als er sich das mit dem Marmor vorstellte:

    Euren Rat nehme ich an. Obgleich die Kaiserin per definitionem keine dubiose Dame sein kann. Eine Fee hingegen dagegen schon. Aber es liegt  mir fern, etwas zu äußern, was man missverstehen könnte.

  • Diese Zurückhaltung wird euch bei einigen helfen, denn die einen sind zu dumm um zu verstehen, dass eure Worte nur Zurückhaltung sind, die anderen werden es gegen euch drehen, egal was ihr sagt. Und ich sage tatsächlich egal.


    Sie waren schon ein Stück des Weges gefahren und Lucien sah auf die Uhr


    Ich schicke euch einen Wagen zum Savoy Truffle, sagen wir morgen um neun? Wir können uns dann auf dem Weg unterhalten falls euch die empirische Gemengelage interessiert. Falls ihr selber fahren wollt, so findet ihr die Generalstände in der Rue de Lodi 38, mit einer guten App braucht ihr vom Hotel keine zwanzig Minuten, die Sitzung beginnt um zehn, rechnet dann aber mit einer Wartezeit da man euch erst den Besucherausweis ausstellen muss.


    Malatesta war wie viele Politiker von den Strukturen, denen er eigentlich alles zu verdanken hatte, nicht gerade angetan, spielte aber gerne den Strippenzieher, obwohl er das nicht besonders gut konnte da er dafür eigentlich zu weich war. Aber nur soviel dazu, jetzt bezahlte er wie gerade erstmal ein wenig, dann würde man weiter sehen. Oder eben nicht, dies würde die Geschichte zeigen.

  • Da Mathieu keinen eigenen Wagen mitgebracht und somit auf eine Mietagentur angewiesen wäre, antwortete er:

    Den Wagen nehme ich sehr gern, da Ihr ihn mir auf so großzügige Weise anbietet. Ich freue mich auf Morgen.

    er dachte daran, dass er sich auch noch um die Auszahlung in bar eines Teiles seiner Apanage kümmern musste; sein Sold war genug gewesen, um ihm einen auskömmlichen Lebensstil gewährleisten zu können, doch er fiel ja jetzt weg, bis er in neue Dienste treten konnte.

    Zu den Bemerkungen des Lucien Malastesta indes schwieg er, vorsichtig wie er war, wenn ihm nicht die ganzen Fakten auf dem Tisch lagen, um ein Urteil fällen zu können. Aber er hoffte, noch mehr über die angedeuteten Interna zu zu erfahren:

    Setze ich Euch ab oder setzt ihr mich ab?

    fragte er, da diese Frage noch nicht beantwortet worden war.

  • Ihr mich, ich steige an der nächsten Ampel aus, wir sehen uns morgen wie abgemacht.


    Er reichte seinem neuen Bekannten die Hand und hoffte, es möge auch rot sein, schließlich hatte er noch eine. Besorgung zu machen.


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