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Thierry Barras

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41

Samstag, 25. April 2020, 23:39

Therese musste unheimlich geschockt sein, so aufgelöst hat er sie zuletzt erlebt, als sie den Gerüchten glaubte, dass er seine Frau ermordet hätte. Im Gegensatz zu damals konnte er ihr jetzt aber Trost spenden und drückte sie fest an sich, wobei er ihren Kopf mit einer Hand stützte und ihr einen Kuss hierauf drückte.

"Du meinst... dieser Geruch, den wir oben schon gerochen haben? In diesem leeren Zimmer?"

Barras schloss die Augen und schaute über Therese hinweg in die Richtung des Eingangs. Sein Magen erinnerte sich daran, wie es ihm da ging. War der Geruch hier noch heftiger, würde er zu den ohnehin schon vorhandenen Spuren wahrscheinlich seinen Mageninhalt platzieren.

Das Zittern Thereses war deutlich zu spüren - es wurde auch nicht sofort weniger, als er ihr beruhigend über Kopf und Rücken streichelte. Er verstand es selbst nicht - vielleicht war es eine Sache des Prinzipis... Aber die Polizei zu rufen war für ihn keine wirkliche Option. Sie war es nicht gewesen, seitdem sie die Wohnung betreten hatten. Nein, das war ihr Fall. Und wenn es Schutzanzüge gab, dann...

"Nein. Wir gehen da rein. Wir ziehen die Schutzanzüge an. Und wir machen Fotos, vielleicht auch Videos... Ich habe keine Ahnung, was wir damit anfangen sollen. Aber wenn Marat hier irgendetwas aufbewahrt... Ich muss wissen, was dahinter steckt."

<Was ist da drin? Leichen? Hortenses Leiche vielleicht sogar?>

Er wollte Therese vielleicht auch etwas beweisen. Oder er hatte ein schlechtes Gewissen, nachdem er sie alleine hier heruntergehen ließ. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem. Aber er würde hier nichts abbrechen. Vielleicht würde dieses Loch hier eine Erklärung für das bieten, was er in der seltsamen Wohnung gesehen hatte?

"Ich bin bei dir. Die Schutzanzüge hängen da ja nicht umsonst. Die Polizei können wir immer noch rufen. Was soll da schon drin sein? Zombies? Monster? Duroc?"

Wie auch immer er es schaffte, in dieser Situation noch einen Scherz unterzubringen - aber ihm gefiel der Gedanke "Abstoßender Geruch = Duroc", erst recht in Kombination mit einem dunklen Kellerloch.
Senator Thierry Barras
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42

Sonntag, 26. April 2020, 00:48

Es mochte in der Hinsicht nun wenig verwundern, aber durch die permanente Öffnung der Luke und damit dem Kälteverlust war die Kühlungsanlage arg gefordert und schaffte es dennoch nicht, für stabile Verhältnisse zu sorgen, so dass sich nun auch Insekten geradezu in Schwärmen von der Luke angelockt fühlten. Was auch immer die beiden nun vorhatten, so mussten sie schnell die Schleuse wieder schließen, bevor der mögliche Anblick durch das Ungeziefer noch weiter entstellt wurde.
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43

Sonntag, 26. April 2020, 11:44

"Ja … der gleiche Geruch wie oben, nur … nur viel, … viel intensiver."

Antwortete Therese immer noch geschockt von dem "Geruchserlebnis", welches sie kein zweites Mal erleben wollte. Aber auch die Tatsache, dass sie vor wenigen Stunden noch mit dem Mann am Tisch gesessen haben der DAS hier "verbrochen" hatte, ließ sie immer wieder schaudern. Nein, da würde sie auf keinen Fall hinunter steigen … <Niemals …Nie!> Oder sollte man besser niemals nie sagen?

"Wie bitte? Du … du willst allen ernstes in diesen Schutzanzügen da hinunter steigen und herausfinden, was die Quelle dieses bestialischen Gestanks ist?"

Therese löste sich etwas von Thierry, um ihm verständnislos aus großen Augen heraus anzustarren. Nun wirkte sie noch einen Tick geschockter, allerdings nicht wegen dem Unvorstellbarem (das sie da unten erwarten würde) sondern weil Thierry völlig den Verstand verloren zu haben schien. Abgesehen davon, hatte Therese da etwas falsch in Erinnerung? Oder war ursprünglich nicht Thierry derjenige gewesen, der dem spontanen Tatendrang und der Durchsuchung der Wohnung, im Alleingang, eher zurückhaltend gegenübergestanden hatte?

Egal! Allein würde Therese ihren Freund nicht losziehen lassen und davon abbringen würde sie ihn wohl auch nicht können. Mit einer fahrigen Handbewegung strich Therese eine Haarstähne aus ihrem Gesicht und deutlich war ihr anzumerken, wie aufgewühlt sie gerade war.

"Du bist komplett verrückt … und ich bin es auch. …Wir …. wir müssen beide völlig wahnsinnig sein, dass wir uns in diese Schutzanzüge zwängen und da hinunter steigen … Oh du …mmmh allein die Vorstellung, dass dieser Wahnsinnige da schon drin war …puh! Ich glaub mir wird gleich wieder schlecht, … also los! ….Machen wir schnell, ehe ich wieder zur Vernunft komme"

Therese konnte nicht glauben, dass sie das tatsächlich sagte, aber nun war die Entscheidung gefallen …
Therese Cabarrus
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44

Sonntag, 26. April 2020, 15:56

Wie man auch im Vorraum sehen kann, ist Marat auch als Kinderschuhschuster geübt, aber im Hinblick auf den Kühlraum kommt man dann nicht umhin festzustellen, dass langfristige Taxidermie und Präparation nicht zu seinen Stärken gehören kann. Wieviele Leute werden in diesen vier Wohnungen einmal gelebt haben? Drei Familien, zwei davon mit Kindern? Ein alter Lehrer und seine Haushälterin? Und dann vielleicht noch der Möchtegernkunstdieb, der Marat bestehlen wollte?
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Thierry Barras

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45

Sonntag, 26. April 2020, 20:36

Barras musste verrückt sein, da hatte Therese ganz Recht. Wie sonst sollte man erklären, dass er innerhalb von Minuten immer wieder seine Meinung ändert, dazu noch auf eine überraschende und sprunghafte Art? Andererseits könnte es auch daran liegen, dass der Senator komplett unfokussiert ist und ihn die Ereignisse des Tages - vor allem der Fund der Spieluhr - sehr aufgewühlt haben. Oder es lag daran, dass er nichts angefangen liegen lassen wollte. Nicht zuletzt hatte er kein großes Vertrauen in die empirale Polizei. Nachher käme noch Fouche selbst hierher, vielleicht gar gemeinsam mit Duroc - und dann würden sie es wieder so aussehen lassen, als sei er verantwortlich.

"Natürlich bist du verrückt. Warum sonst solltest du mir überhaupt je vertraut haben? Das tut niemand, der bei klarem Verstand ist. Also los, rein da..."

Wie durch einen Schleier sah er den Eingang und die Schutzanzüge. Wie mit Scheuklappen zog er diese Anzüge an, so dass ihm die Kinderschuhe nicht auffielen. Der Gestank, der aufgrund der weiterhin offen stehenden Luken sich munter ausbreiten konnte und bereits Insekten anlockte, kroch bis in den Vorraum und erzeugte ein starkes Gefühl von Übelkeit und Schwindel.

"Schnell... Masken..."

Sich nicht trauend, zuviele Worte zu verlieren, half er Therese beim Anlegen der Gasmaske und ließ sich von ihr unterstützen, als er sein Gesicht bedeckte und sich jetzt erst traute, halbwegs frei zu atmen. Die Schutzkleidung trug nicht gerade zur Beruhigung bei.

<Das ist Wahnsinn. Das ist total bescheuert. Das ist die beschissenste Idee, die ihr beide je hattet. Das ist...>

Den Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. Er war nun vollständig mit der Schutzkleidung bedeckt und konnte seinen Blick durch den zweiten Raum schweifen lassen.

"Kinderschuhe?"

Sorgsam aufgereiht standen sie da - scheinbar unberührt, vorbereitet, liebevoll drapiert.

"Was zur..."

Seine Gangart durch den Raum ist mehr ein Stolpern, denn ein gezieltes Gehen. So ist es wenig verwunderlich, dass er auf eine bestimmte Stelle tritt. Ein Kinderlachen ertönt. Es klingelt in seinen Ohren, scheint es doch von überall zu kommen. Damit hatte er nicht gerechnet. Vor Schreck dreht er sich mehrmals um die eigene Achse und greift verzweifelt nach Therese, um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist.

<Kinderschuhe? Kinderlachen?>

"Wo kommt das her? Was ist das? Wer ist das? Was soll das? Scheiße..."

Doch das größte Grauen würde ihnen erst im nächsten Raum begegnen. Und je länger sie die Tür offen ließen, desto seltsamer würde dieses Erlebnis sein. Waren sie dafür bereit? Wie könnte man für ein solches Bild je bereit sein, auch wenn die Schuhe und das Lachen eigentlich eine Vorwarnung sein sollten? Eigentlich müsste ihnen der Zusammenhang schon längst klar sein. Doch der menschliche Verstand neigt dazu, Sachen, die er sich nicht vorstellen möchte, als "unmöglich" auszuschließen und die naheliegendste Erklärung manchmal auszublenden.
Angesichts dessen, was an diesem Tag bisher passierte und angesichts dieses psychischen Phänomens ist Thierry nicht klug genug, um sofort umzudrehen und zu gehen. Er ist nicht klug genug, um alles abzubrechen. Nein, im Gegenteil - er ist dumm genug, die Tür weit zu öffnen, aus der eine eisige Kälte strömt...
Senator Thierry Barras
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46

Sonntag, 26. April 2020, 23:16

Thierry war nicht mehr aufzuhalten und irgendwie war der Punkt längst überschritten, an dem man noch einmal hätte inne halten können. Inne halten und in Ruhe darüber nachdenken ob es wirklich klug wäre, in einem Schutzanzug in einen unbekannten Keller hinab zu steigen, aus dessen Einstiegsluke ein unvorstellbar grässlicher Gestank drang. Ein Gestank, jenseits aller Vorstellungskraft, oder warum bedurfte es sonst einer Schutzkleidung samt Atemmaske, um überhaupt dorthin vordringen zu können?! Allein der Gedanke daran, was diesen Gestank verursachen könnte, müsste eigentlich jedem normalen Menschen den Magen umdrehen, noch ehe er den Hauch dieses abscheulichen Duftes überhaupt in die Nase bekäme.

So wie es bei Therese der Fall gewesen war und diese Erfahrung gönnte sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind (außer Marat). Vor ihrem geistigen Auge spielten sich jedenfalls sämtliche Horrorszenarien ab, die sie gedanklich fähig war sich vor zu stellen und doch war sie fest überzeugt, dass die Wirklichkeit (welche sie bald schon zu Gesicht bekommen würden) noch um einiges schlimmer ausfallen würde.

Der Wunsch an dieser Stelle abzubrechen war hoffentlich nachvollziehbar, denn selbst die Neugier stoppte an dieser Stelle angesichts des Grauens, welches augenscheinlich da unten auf sie wartete.

Und bereits der Anfang war unvorstellbar grausam. Allein der Anblick der säuberlich aufgereihten Kinderschuhe! Trotz der Maske musste Therese an sich halten, um sich nicht zu übergeben. Wer immer es wagen würde, einem Kind auch nur ein Leid an zu tun, dem würde sie höchstpersönlich die Augen auskratzen, denn nichts auf der Welt hielt sie für abscheulicher, als Kindern weh zu tun. Der Anblick der Kinderschuhe half so gesehen, dass Therese wieder einigermaßen entschlossener wirkte. <Wenn dieser Wahnsinnige tatsächlich einem Kind etwas angetan hat, dann ….dann …> … würde ihre Vorstellungskraft sogar für das unvorstellbar Grausame ausreichen.

Doch leider war Marat nicht hier - wie schade! - denn ansonsten hätte Therese es sehr genossen, ihn (ohne Schutzanzug natürlich) durch diesen Raum zu führen, während sie ihm mit dem Messer fortwährend traktieren würde … < Dieses Scheusal …. Ich hoffn nur, dass es mir vergönnt ist zu erleben wie er leidet.>

Die Hoffnung , dass dieser Wahnsinnige am Ende seine gerechte Strafe erhalten würde, wirkte wie ein Adrenalinschub, der jegliche Angst in den Hintergrund drängte.

"Ich weiß nicht woher dieses Lachen kommt, aber sicherlich nicht von einem lebendigen Menschen. Wahrscheinlich wurde es aufgezeichnet …Dieses Scheusal! … Sollte ich Marat jemals wiedersehen, dann wird es mir ein Vergnügen sein, ihm mit diesem Messer die Kehle durchzuschneiden … "

Zischte Therese in die Atemmaske, welche den Tonfall ihrer Stimme verzerrte aber keinen Zweifel daran ließ, wie entschlossen sie war. Zumindest für den Augenblick, doch das würde sich vielleicht ändern als Thierry die nächste Tür aufstieß und Eiseskälte ihnen entgegen strömte und nicht nur dies …
Therese Cabarrus
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Thierry Barras

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47

Montag, 27. April 2020, 07:25

Der Anblick der Kinderschuhe hatte Thereses Entschlossenheit offensichtlich gesteigert und jeden Zweifel beiseite gefegt. Ihr Wut auf Marat war ihr Motor - und auch wenn er physische Gewalt ablehnte, fand er Thereses Vorschlag sehr stimmig. Doch einen kleinen Korrekturvorschlag hatte er dann doch.

"Wir sollten ihm erst die Eier abschneiden, wenn er wirklich Kindern etwas angetan haben sollte. Er sollte leiden müssen. Direkt die Kehle durch - das wäre ein viel zu gnädiger Tod, der..."

Wieder konnte er den Satz nicht beenden. Die Tür war offen und der unvermeidliche Schritt in den Konservationsraum wurde getan. Was die beiden dort sehen mussten, hätten sie sich vorher nicht ausmalen können.
Wie lebensgroße Puppen oder Statuen standen sie da alle versammelt, sorgfältig (aber nicht professionell) konserviert. Kleine Statuen. Kinderstatuen. Wieviele es wohl waren, konnte er nicht abschätzen. Er wollte es auch nicht, denn dieses Bild allein war dazu geeignet, einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen, den Magen umzudrehen und einem jeglichen Restverstand zu rauben.

Nein, es war keine gute Idee gewesen, hier herein zu kommen. Es war keine gute Idee gewesen, nicht die Polizei zu rufen. Es war keien Idee gewesen, überhaupt zu dieser Wohnung vorzudringen. Und die schlechteste aller Ideen war die, diesen Raum zu betreten.
Wie in Trance stolperte Thierry weiter in den Raum hinein. Der Versuch, keine der präparierten kleinen Menschen zu berühren, war nur teilweise von Erfolg gekrönt. Wie er es schaffte, dass keine "Figur" umfiel, war unerklärlich und nur mit guten Reflexen und einem Rest an Verstand zu erklären.
Ohne festes Ziel wanderte er tiefer in den Raum, in die Mitte des Platzes - den Ort, an dem sie hätte stehen sollen (wie der geneigte Leser natürlich weiß, Barras jedoch nicht). Von allen Seiten schauten ihn durch den Verfall seltsam entstellte Gesichter an. Er konnte das Ausmaß dieser Monstrosität nicht wirklich begreifen. Sein Verstand war wie blockiert, sein Geist wie benebelt.

Ein paar Gesichter kamen ihm vielleicht bekannt vor. Doch um das sicher festzustellen, hätte er klar denken können müssen. Entsetzt schaute er Therese an.

"Raus, raus, RAUS! Komm... schnell!"

Kohärente Satzbildung war in Stresssituationen noch nie sein Ding gewesen. Umso verwunderlicher, dass er klar artikulieren konnte, was ihr jetziges Ziel sein würde. Diese Überraschung wurde von einem Schwall seltsamer Laute abgelöst:

"Habama... Hunnngggggh? Arglbllll...."

Wie verloren stand er inmitten der kleinen Statuen, die ihn allesamt so ansahen, als würden sie ihm huldigen. Er sah keinen Weg, aus diesem Kreis wieder herauszukommen und drehte sich wie von Sinnen. Er hätte sich die Haare raufen können, doch daran hinderte ihn die Schutzkleidung (zum Glück - dass sie beiden in diesem Raum keine Spuren hinterlassen, war essentiell). Hilflos schaute er Therese an, während die Schutzmechanismen in seinem Kopf das Lied eines Videospiels, in dem man bunte herabfallende Blöcke verschiedener Form kombinieren musste, mit dem Text eines Kinderliedes verband. Das machte es nicht gerade einfacher.
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48

Montag, 27. April 2020, 07:48

Wie Barras es geschafft hatte, genau zwischen den kleinen Statuen, denn es konnten nicht mehr als drei sein, zum Stehen zu kommen, wird für immer ein Rätsel bleiben, vor allem da der geneigte Leser bereits wissen sollte, woher die meisten der Statuen stammen. Und da Marat sicherlich nicht auf Kinder fixiert war - von einem bestimmten Kind einmal abgesehen - wird er nur verwendet haben, was wirklich vorhanden war. Familien können verschwinden, doch sollten zielgerichtet Kinder verschwinden, wird selbst die korrupte Obrigkeit in Outremer sehr scharfäugig und methodisch an die Sache herangehen.
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Thierry Barras

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49

Montag, 27. April 2020, 10:12

Das Feststellen von Größenrelationen war in diesem Moment Barras' kleinstes Problem. Sein Blick war, soweit er ihn fokussieren konnte, auf die kleinen "Statuen" gerichtet, voller Entsetzen. Dass die Eltern direkt daneben standen und ihn aus leeren Fratzen ebenfalls anstarrten, führte nicht unbedingt dazu, dass er sich wohler oder ruhiger fühlte.

Und doch war der Begriff "kleine Statuen" nicht komplett verkehrt, waren doch nur drei oder vier von ihnen körperlich ungefähr so groß wie der Senator.

Sein Verstand versuchte, zu begreifen, was er sah. Und doch erschien es ihm so unwirklich wie eh und je.

<Ganze Familien? Ein alter Mann und eine junge Frau? Und zu wem gehört dieser komische Typ da?>

Eigentlich müssten sie Fotos machen. Doch nicht nur, dass sie unter der Schutzkleidung ihre Handys nicht ohne Weiteres erreichen konnten - diese Bilder hatten sich auf Thierrys Netzhaut schon jetzt eingebrannt, da bräuchte er nicht auch noch ein digitales Abbild davon.
Dass ein Zusammenhang zwischen dem seltsamen Schnitt der Wohnung/en und diesem Raum bestehen könnte - dies zu denken war für Barras in diesem Moment komplett unmöglich. Verloren stolperte er von Statue zu Statue, bedacht, sie nicht zu berühren. Er verlor Therese aus den Augen, während er taumelte. Wo war der Ausgang? Wo war die Lücke, durch die er überhaupt in diesen Kreis gekommen war?
Senator Thierry Barras
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50

Dienstag, 28. April 2020, 00:34

Wie heißt es so schön: "Das Beste kommt zum Schluss." oder wie hier das "Best..ialischste". Ein Anblick, den man höchstens aus Horrorfilmen und Geisterbahnen her kannte - nur eben in echt und tausendmal grausiger. So in etwa hätte Therese diese bizarre Szenerie beschrieben, in die Thierry und sie soeben hinein gestolpert waren. Besser gesagt war Thierry da mitten hinein gestolpert während Theres noch and der Schwelle stand und hart an sich halten musste, um nicht ihren Schutzanzug voll zu …

Wahrlich ein Wunder, dass sich Therese nicht augenblicklich übergeben musste. Aber der visuelle Eindruck allein - ohne den Gestank - reichte dann doch nicht aus, dass ihr Gehirn spontan die Entleerung ihres Magens einleitete. Allerdings musste Therese ein paar Mal angestrengt schlucken, während sie tunlichst versuchte nicht zu sehr auf die bizarr anmutenden Gestalten zu blicken, welche einst einmal lebendige Menschen gewesen sein mochten.

Dieser Anblick würde Therese zweifelsohne noch lange verfolgen und sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie das Erlebte von heute später verarbeiten würde. Aber diese Frage stellte sich im Augenblick auch nicht, vielmehr fragte sich Therese was Thierry ihr damit sagen wollte:

Zitat

"Habama... Hunnngggggh? Arglbllll...."
<Ah ja … >

Was auch immer das heißen sollte, sie würde es womöglich nie heraus finden, doch wenn er jetzt hier kollabieren würde, dann hätten sie beide wahrlich ein Problem, denn ohne ihn würde auch Therese dieses Erlebnis nicht heil überstehen.

"Thierry! …Sieh mich an! …Ich bin hier, bei Dir. …Du hast recht, wir müssen raus hier, …sofort! …Komm, lass uns gehen. … Wir haben genug gesehen!"

So beruhigend wie möglich redete Therese auf Thierry ein, während sie ihn an den Schultern packte und heftig daran rüttelte. <Bitte …bitte, kipp mir jetzt nicht um, wie soll ich nur sonst hier heraus, ohne dich? ...Bitte Thierry!>

Allein der Gedanke, dass sie noch länger hier verweilen mussten, ließ Thereses Stimme vor Angst und Aufregung beben und sie hoffte inständig, dass sie beide schnell wieder dieser Hölle entfliehen würden, in die sich so unbedarft und unüberlegt selbst begeben hatten.
Therese Cabarrus
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Thierry Barras

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51

Dienstag, 28. April 2020, 08:16

Irgendwo, in weiter Ferne, erklang eine vertraute Stimme. Wo kam sie her? Wo war sie?

"Therese..."

Er streckte seine Hände aus, doch sie berührten nur die Nase einer der Statuen - die sich seltsam verformte und den Kopf bedrohlich wackeln ließ.
Alles drehte sich. Er drehte sich. Sie drehten sich. Der Raum drehte sich. Konnte das mal aufhören? Erbrochenes in diesem Anzug würde sich nicht gut machen - und es passte farblich nicht gerade zu seiner Weste. <Was?>

Die Stimme kam näher. Wo kam sie her? Jemand berührte seine Schultern - sanft, unaufdringlich, beruhigend. Er drehte sich nicht mehr.

"Therese..."

Die sanfte Berührung wurde bestimmender, schüttelte ihn, als würde sie sagen "Komm endlich zu dir". Thierry schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

"Bring mich hier raus... Hilf mir... bitte..."

Er klang fast flehend. Bilder flackerten vor seinen Augen auf. Die schwangere Hortense, reglos am Boden. Der seltsame Mann, den er verfolgte... der aber entkam... Marat mit einem höhnischen Lachen... Duroc, Arm in Arm mit Hortense, Thierrys abgetrennten Kopf in der anderen Hand haltend... Saint-Just, die manisch lachend sein Büro zerdepperte und dabei schrie "Du wirst sie nie kriegen"...

Barras riss die Augen auf. Er sah Therese vor sich - wieder ohne Schutzanzug, mit einem Blick voller Sorge. Sie waren wieder im Raum mit den Kinderschuhen hinter einer Glasscheibe. Die schwere Luke war geschlossen.
Thierry sank auf die Knie und nahm die Maske ab. Ungläubig sah er hoch zu Therese und fuhr sich unkontrolliert durch die Haare.

<Raus... raus...>
Erst einmal raus aus dem Schutzanzug. Bedrohlich wankend riss er ihn sich vom Leib und schmiss ihn achtlos auf den Boden. Als er alle Schutzkleidung los war, stolperte er an Therese vorbei, raus aus diesem dunklen Loch, wobei er versehentlich noch einmal das aufgezeichnete Kinderlachen auslöste.

Er lehnte sich an eine Steinmauer im Innenhof, an der er langsam herunterrutschte, bis er auf dem feuchten Erdboden saß und.... lachte.
Senator Thierry Barras
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52

Dienstag, 28. April 2020, 11:21

Unwissend um die besonderen Umstände rief d'Enver in dieser seltsamen Situation auf dem Mobiltelefon des Senators an, weil er das Aktienpaket fertiggestellt hatte. Es war ein wenig langsamer gegangen, als d'Enver geplant hatte, aber nun war endlich alles fertig. Er konnte ja nicht ahnen, dass Senator und Abgeordnete gerade buchstäblich aus "l'enver" entstiegen waren.
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Thierry Barras

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53

Dienstag, 28. April 2020, 11:28

Ein bekanntes Vibrieren und ein vertrauter Ton führten Barras ein wenig in Richtung Realität zurück - doch er war nicht in der Lage, jetzt zu telefonieren, das wusste er. Also stellte er das Mobiltelefon auf stumm und schaltete es aus, sobald es nicht mehr klingelte. Citoyen d'Enver könnte er bestimmt zurückrufen. Und wenn nicht, war ihm das in der jetzigen Situation auch vollkommen egal.
Seiner Gefühle war er ohnehin längst nicht mehr Herr. Manisches Lachen und verzweifeltes Schreien wechselten sich überfordertem Weinen ab, das Ganze durchzogen von Hustenanfällen.

Der Senator drehte sich zur Seite... und übergab sich schließlich in ein wild wucherndes Wickenbeet.
Senator Thierry Barras
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54

Sonntag, 3. Mai 2020, 22:33

"Das Horrorkabinett des Monsieur Marat" - So oder ähnlich hätte Therese diesen Raum spontan betitelt, denn der Anblick der dort sorgfältig drapierten Leichen erinnerte sie irgendwie an ein Wachsfigurenkabinett, in dem sie als Kind mit ihren Eltern manchmal gewesen war. Mit dem Unterschied, dass die Wachsfiguren von damals wie lebendige Menschen ausgesehen haben, während die bizarren Gestalten hier nicht mehr viel mit einem menschlichen Wesen gemein hatten. Erwachsene und Kinder, jung und alt, womöglich Familien oder auch rein zufällig ausgewählte Opfer, die dieses grausame Schicksal verband: <Getötet und dann hier unten zur Schau gestellt …

… wie krank muss man sein, um so etwas grausames zu tun.
>
Therese versuchte angestrengt nicht direkt hinzusehen, was allerdings kaum möglich war. Dazu das aufgezeichnete Kinderlachen, welches andernorts für Erheiterung gesorgt hätte, hier aber schier unerträglich war. Stammte es gar von einem der getöteten Kinder hier? Jeder Gedanke an das Geschehene verursachte Übelkeit und mit jeder Sekunde wurde die Situation hier unerträglicher.

Am schlimmsten traf es aber Thierry, der sicherlich noch viel emotionaler aufgewühlt war angesichts des Mordes an seiner Frau, der in irgendeinem Zusammenhang mit Marat und dessen grausames Treiben gestanden haben musste. Sein hilfloser Anblick war jedenfalls nicht minder schmerzhaft für Therese, wie der Anblick der geschändeten Toten und seine Rufe nach ihr hallten ebenso in ihren Ohren nach, wie dieses Kinderlachen.

"Ich bin bei Dir. Nimm meine Hand! … Ich helfe Dir … "

Antwortete Therese prompt und beruhigend auf ihn einredend. Hastig machte sie dabei ein paar Schritte auf Thierry zu, packte ihn beherzt am rechten Arm und zog ihn - Hals über Kopf - mit nach draußen.

Dort angekommen, musste Therese erst einmal sehen wie sie selbst aus dem Schutzanzug heraus kam, sodass sie nur am Rande mit bekam wie Thierry sich in die Blumenbeete übergab. Das Klingeln seines Handys nahm sie ebenfalls zur Kenntnis, doch im Augenblick dachte sie nicht weiter darüber nach. Vielmehr versuchte Therese angestrengt das eben Erlebte gedanklich zu verdrängen - so gut es ging - um darüber nachzudenken, was sie nun als nächstes tun sollten.

Mit einem leisen Seufzer ließ sich Therese neben Thierry nieder, wobei sie ganz vorsichtig und sanft eine Hand auf seine Schulter legte. Eben noch hatte er wie irr gelacht und soeben hatte er sich in das Blumenbeet übergeben - Therese war ehrlich besorgt angesichts seines Zustandes und demensprechend leise sprach sie zu ihm;

"Ich … ich … bin bei Dir, Thierry. Und ich lasse Dich nicht allein … Allerdings können wir nicht einfach diese Luke schließen und so tun, als ob wir nichts gesehen hätten. … Ich rufe jetzt Fouche, den Polizeipräsidenten an. Ich kenne ihn und ich vertraue ihm soweit, dass er uns helfen wird und alles dafür tun wird, um dieses schreckliche Verbrechen endlich auf zu klären …"

Therese verstummte und sie gab Thierry genügend Zeit um ihr darauf eine Antwort zu geben, ehe sie schließlich ihr Handy hervor holen würde, um die Nummer des Polizeipräsidenten zu wählen. Zwar wusste Therese nicht, ob sie Fouche wirklich vertrauen könnte, doch schließlich war er es gewesen, der bei der Kaiserin ein gutes WOrt für sie eingelegt hatte. Somit war Fouche im Augenblick der Erste und Einzige, dem Therese von dieser Sache hier erzählen wollte ….
Therese Cabarrus
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Thierry Barras

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55

Montag, 4. Mai 2020, 00:00

Sein Kopf drehte sich. Leere Fratzen schauten ihn aus Höhlen an, in denen bestimmt einst strahlende Augen gesessen hatten. Und dazu dieses Lachen, immer wieder dieses Lachen... Er schaute in die Wolken, doch von dort fielen die Fratzen auf ihn herab. Er schaute auf den Rasen vor sich - Fratzen. Er schaute auf das frisch gedüngte Blumenbeet - es lachte ihn aus, es drehte sich, es tanzte.
In weiter Ferner bewegte sich etwas, strahlend, leuchtend. <Ein Engel?> Oder... waren die Statuen jetzt lebendig geworden?

Er lachte weiter. Worüber? Das wusste er selbst nicht. Aber er war der Meinung, dass dies die einzige angemessene Reaktion sei. Wie sonst solle man nach einem solchen Gruselkabinettsbesuch dafür sorgen, dass der eigene Verstand nicht ein paar Meter weiter wanderte und einen zurückließ? Er fand diesen Gedanken vollumfänglich logisch. Schließlich hieß es ja, Lachen sei gesund. Wenn dieser Spruch vollumfänglich wahr wäre, dann musste man sich keine Sorgen um Senator Barras machen.

Die strahlende Gestalt setzte sich neben ihn. Sanft, aber irgendwie... <aufgewühlt? Aufgewühlter Engel?>
Zwischen seinem eigenen Lachen, dem Widerhallen des Kinderlachens, dem Widerhall seiner eigenen erstickten Schreie und den Schritten im seltsamsten Raum aller Zeiten kam noch ein Geräusch hindurch. Das Geräusch sagte seinen Namen. Er wollte zuhören, aber die Schreie und das Gelächter waren lauter.
Was sagte das Geräusch da? "Fouche, Polizeipräsidenten an"?

<Was "an"? Anbellen? Anschreien? Anzeigen? Anru....>

Mit einem Schlag verstummte sein eigenes Lachen - zumindest das, das er nach außen trug. Mit weit aufgerissenen Augen drehte er seinen Kopf zu der leuchtenden Gestalt neben ihm und schüttelte den Kopf.

"Fouche... nein... Fouche... NEIN! Fouche... NEIN!!!"

Es konnte nur Instinkt gewesen sein oder eine Art Konditionierung. <Fouche... Duroc... böse>
"Böse! Fouche... Duroc... böse! Nein!"

Er musste lachen. Erneut. Nein, er wollte es - um das Lachen und die Schreie in seinem Kopf zu übertönen. Zu ihnen gesellten sich jetzt noch ungehörte Schreie der Statuen, die einst Menschen waren. Schreie der Angst, Schreie des Wahnsinns, Schreie der Verzweiflung - Schreie, von denen nur einer noch berichten könnte.

"Marat..."

Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf und zog sein Sturmfeuerzeug aus der Jackentasche.

"Benzin. Wir brauchen... Benzin. Viel Benzin..."
Senator Thierry Barras
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56

Montag, 4. Mai 2020, 00:37

"Aber … aber, ...was ist denn nur los mit dir? ..Thierry? … Thierry, bitte beruhige Dich …"

Therese blickte Thierry verwundert und besorgt an. Er schien gar nicht mehr zu klarem Verstand zu kommen und das beunruhigte sie doch sehr, insbesondere als er sie zurück stieß und ruckartig aufstand. Sein Geist schien immer noch gefangen in dieser surrealen Hölle, aus der sie just entkommen waren. Hatten ihn diese Bilder gar um den Verstand gebracht? Fast kam es Therese so vor, so wie Thierry gerade sprach und dazu dieses irre Lachen

"In Ordnung … In Ordnung, ich werde Fouche nicht anrufen, ich werde niemanden anrufen. Hörst du …"

Hastig erhob sich Therese nun ebenfalls, den Blick dabei entsetzte auf das Feuerzeug gerichtet. Thierry wollte doch nicht allen Ernstes den Keller abfackeln?

"Thierry bitte ….steck das Feuerzeug weg. Wir können nichh einfach alles anzünden. Bitte! Sieh mich an … bitte. Ich verspreche, ich werde niemanden anrufen. Wir finden einen andere Lösung, aber nicht das ...bitte Thierry, so hör doch ...Du ..du machst mir richtig Angst."

Immer verzweifelter klang ihre Stimme während sie mit beiden Händen an seine Schultern fasste und ihn daran rüttelte, in der Hoffnung ihn so wieder zur Vernunft zu bringen ….
Therese Cabarrus
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57

Montag, 4. Mai 2020, 08:12

Die Stimme klang immer noch so, als käme sie aus einer anderen Welt. Welt... Geld.... Mit Geld konnte man Zigaretten kaufen... Zigaretten... retten...

Mit Blick auf die Luke griff er erneut in seine Innentasche, nahm sein silbernes Zigarettenetui heraus, entnahm diesem eine Zigarette mit etwas größer gerollter (und zugedrehter) Spitze und steckte sie an. Während die Stoffe durch seinen Körper wanderten und er genüsslich ausatmete, kam die Stimme näher. Die Welten vereinten sich langsam. Die Farben wurden normaler, die Atmung ruhiger, der Puls... Hatte er noch einen Puls? Er fasste sich panisch an den Hals, ehe er ihn fand und wieder durchatmete.

Auch die strahlende Gestalt nahm allmählich klarere Formen an. Er kannte sie irgendwoher. Und auch die Worte, die er hörte, erschienen ihm aneinandergereihter und sinnvoller als vorher...

"Niemanden anrufen..."

Mit verklärtem Blick wiederholte er die Worte und nickte kaum merklich. Die Hände kamen wieder - die Hände, die ihn aus dem Raum geholt hatten. Sanfte und doch energische Hände. Hände, deren Geruch er gut kannte. Sie schüttelten ihn und er ließ es über sich ergehen.
Nachdem er noch ein paar Züge genommen hatte, schaute er an den Händen entlang. Sie waren an Armen befestigt. Das war etwas Normales. Das kannte er. Das war gut.
Diese Arme führten zu einem Oberkörper - einem beachtlichen Oberkörper mit wohlgewählten Proportionen. Nach unten gehend endete er an zwei langen Beinen. Oh, Füße waren auch da. Es war ein normaler Körper. Aber normale Körper waren die Statuen auch, sie rochen nur komisch und hatten seltsame Gesichter.
Gesichter...
Mit Blick auf den Boden gerichtet, warf er seine Rauchware vor sich und trat sie aus. Es war eh nicht mehr viel daran.
Der Blick wanderte ganz langsam von den Füßen wieder nach oben - wobei er knapp oberhalb des Bauches noch einmal eine Pause machen musste, um sich zu sammeln.

Langsam, ganz langsam wagte er sich an den Bereich, in dem das Gesicht sein müsste. Ängstlich rechnete er damit, wieder diese leeren Augen zu sehen. Leise meldete sich das seltsame Kinderlachen wieder in seinem Kopf. Er schloss die Augen, schüttelte den Kopf - als könne er damit das Lachen und die Bilder abschütteln -, hob den Kopf ein wenig weiter und öffnete sie ruckartig.

"Therese..."

Er befühlte ihr Gesicht. Es fühlte sich normal an. Es bewegte sich. Es hatte Augen. Lebende Augen. Sorgenvolle Augen.

Thierry fiel ihr um den Hals und riss sie fast um. Seine Hände umklammerten sie, als könne sie sich jederzeit in Luft auflösen, wegfliegen, wegrennen, einfach verschwinden.

"Therese..."

Mehr Worte fanden nicht den Weg aus seinem Mund, den er fest an ihre Schulter presste. Die leisen Tränen, die er nicht zurückhalten konnte oder wollte, trafen auf ihre Wange und suchten ihren Weg auf ihr Oberteil und den Boden. Die Knie wackelten, doch hielten sie ihn noch oben. Irgendwie.
Senator Thierry Barras
Herr des Palais Feutre
"Vous avais ma curiosité, mais maintenant vous avez mon attention."

58

Dienstag, 5. Mai 2020, 12:10

"Ja, … ich bin hier, … bei Dir."

Antwortete Therese leise und aufmunternd lächelnd, obgleich ihre Augen ihn nach wie vor besorgt anblicken. So aufgelöst und verwirrt hatte sie ihn noch nie gesehen und tatsächlich hatte sie Angst, dass der Anblick da unten ihn um den Verstand gebracht hatte. Doch zum Glück schien Thierry sich langsam zu beruhigen und als er ihr geradezu stürmisch um den Hals fiel, schloss sie ihn ganz fest in die Arme und drückte ihn liebevoll.

"Ich bin bei Dir und … ich bleibe bei Dir."

Wiederholte sie leise und strich dabei tröstend mit der Hand über seinen Nacken. Es tat weh ihn so weinen zu sehen, doch mehr sagte Therese erst einmal nicht. Stattdessen verharrte sie mit geschlossenen Augen in der Umarmung und wartete, bis Thierry sich wieder beruhigt hatte.

Indes wunderte es Therese, dass sie selbst so gefasst und bei klarem Verstand war obgleich sie da unten gerade das schlimmste Erlebnis ihres Lebens gehabt hatte. Es mochte daran liegen, dass sie im Augenblick für Thierry da sein musste und sie deshalb das Gesehene momentan verdrängte. Gut möglich, dass das Grauen sie später in Albträumen heim suchen würde, doch so weit wollte Therese gar nicht erst denken.

Viel dringlicher war die Frage, was sie jetzt sofort tun sollten? Zuerst musste die Luke so schnell wie möglich wieder geschlossen werden, sonst würde dort unten ein wahrer Ungezieferhort entstehen. Und dann? Insgeheim überlegte Therese angestrengt, wie lange sie das Verbrechen wohl geheim halten könnten, ohne selbst gegenüber der Polizei in Erklärungsnot zu kommen. <Ein- vielleicht zwei Tage?> Länger auf keinen Fall, wobei Marat dann sicher längst über alle Berge wäre.

<Warum nur will Thierry partout nicht die Polizei rufen?>

Einerseits verstand Therese, dass Thierry niemandem traute, doch ein solches Verbrechen musste zwangsläufig gemeldet werden. <Eine anonyme Meldung vielleicht? Doch was ist mit unseren Spuren, die wir dort zurück gelassen haben?! … Wenn wir Marat doch nur eine Falle stellen könnten, doch dafür ist es wohl leider viel zu spät.>

"Komm, lass uns die Luke schließen. Und dann gehen wir irgendwo hin, wo wir in Ruhe überlegen können wie es nun weiter geht. In Ordnung?"

Hauchte Therese - Wange an Wange - irgendwann an Thierry´s Ohr und drückte ihm einen liebevollen Kuss darauf. Ein weiterer Kuss folgte auf seine Wange, wobei ihr Mund wie zufällig die Träne aufnahm, die just im Begriff war daran herunter zu kullern. Therese blickte tief in Thierry´s Augen, in der Hoffnung darin wieder etwas Zuversicht zu erkennen und gleichzeitig leckte sie mit der den salzigen Geschmack von ihren Lippen, welche sie leicht geöffnet und zum Kuss bereit nun auf seine Lippen legte.
Therese Cabarrus
Comtesse de Belleville et Duchesse de Bari
Seigneuresse de Château Lafite
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Thierry Barras

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59

Dienstag, 5. Mai 2020, 14:03

Als die Gegenwart sich wieder den Weg in sein Bewusstsein bahnte, fühlte er sich schwach. Schwach, hilflos, dämlich, bescheuert... Was hatte er sich dabei gedacht? Warum ist er so tief in diesen Raum gegangen? Er hörte wieder das Kinderlachen. Aber er fühlte Thereses Umarmung, ihre Wärme, ihren Atem, sog ihren Duft auf und versuchte, klare Gedanken zu fassen.

Sie waren dämlich, unvorsichtig, geradezu töricht. Überall in den Wohnungen und in den Anzügen waren ihre Spuren. Wer weiß, ob es überhaupt irgendwo Spuren von Marat selbst gegeben hatte? Wenn sie jetzt die Polizei riefen, würden alle Beweise gegen und keine für sie sprechen. Gerade angesichts Thierrys Vergangenheit - auch wenn das Urteil aufgehoben wurde - konnte er hier kein Risiko eingehen. Das musste Therese doch verstehen.
Auch ein anonymer Hinweis kam nicht in Betracht. Überall waren ihre Spuren. Überall. Doch eine Möglichkeit sah er... vielleicht...

Sie zu äußern schaffte er nicht sofort. Allzu bereit und erleichtert ging er ohne zu zögern auf Thereses Lippen ein. Der Kuss war zärtlich, vertraut, tröstlich. Sie hatten sich schon oft geküsst, meist sehr leidenschaftlich und neckisch. Es kam ihm so vor, als erlebe er diese Art von Kuss bei ihr zum ersten Mal. So wünschte er sich natürlich, dass er nie enden würde - doch er wusste, dass das nicht möglich war. Viel zu schnell wurde er wieder gelöst. Mit einem Nicken gab Thierry zu verstehen, dass ihr Vorschlag vernünftig war.

"Ja, du hast Recht. Schnell die Luke schließen... Was meinst du? Sollten wir... den obersten Richter Depont anrufen? Dir wird er glauben. Mich hatte er verurteilt. Weißt du, wer das Urteil wieder aufgehoben hatte? War er es vielleicht selbst?"

Sie mussten handeln. Jetzt. Mit frischen Eindrücken. Solange er noch klar denken konnte. Die Nacht würde der Horror werden, das wusste er.

"Und wir bleiben ab jetzt zusammen. Den Rest des Tages. Und die Nacht."

Er sagte diese Worte nicht bestimmend, nicht flehend, sondern fast wie eine nüchterne Feststellung. Und ein wenig musste er schmunzeln, als er an die Beweislage dachte.

"Vielleicht hilft es ja, die Beweislage gegen uns zu entkräften, wenn wir den Richter zum Blumenbeet führen..."

Ihre Hand fest umklammernd gingen sie zur Luke, um sie schnell zu schließen. Dabei hielt er die Luft an, damit sein Magen nicht wieder herausgefordert werden würde.
Senator Thierry Barras
Herr des Palais Feutre
"Vous avais ma curiosité, mais maintenant vous avez mon attention."

60

Mittwoch, 13. Mai 2020, 10:06

Dieser eine Kuss drückte durchaus mehr aus, als nur reine Leidenschaft oder gar Lust. Es war ein Kuss der Verbundenheit, der so viel bedeutete wie: <Ich habe Angst um Dich! … Ich brauche Dich … Ich ... > Ohne Worte und doch verständlich für denjenigen, dem dieser innige Kuss im besonderen galt. Für einen kurzen Moment kehrte so etwas wie eine vertraute Normalität in ihre Beziehung ein, ein Gefühl der Geborgenheit, während sie einander umarmten und küssten. Wobei ab heute nichts mehr so wäre wie zu vor, nachdem sie gemeinsam durch das "Tor zur Hölle" geschritten waren. So in etwa kam es Therese vor und jeder Gedanke an das dort unten Erlebte ließ augenblicklich einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Zum Glück waren die Eindrücke hier oben, an der frischen Luft und mit Blick zum Himmel nicht mehr ganz so schauerhaft. Gut möglich, dass der Horror in der Nacht zurück kam, in Form von Albträumen und von daher war Therese sehr froh, dass Thierry den Rest das Tages und die ganze Nacht zusammen bleiben wollte.

Zuvor galt es jedoch den Zugang zu sichern und dies kostete sehr viel Überwindung. Allein der Anblick der Luke, wissend wohin diese führte, ließ augenblicklich die Schreckensbilder wieder aufflammen. Doch irgendwie schafften sie es gemeinsam, den Eingang wieder zu versiegeln und als sie zurück im Hof waren, atmete Therese erst einmal tief und erleichtert durch. Das Grauen war wieder unter Verschluss, doch damit war das Verbrechen nicht aus der Welt und nun mussten sie überlegen, wie es weiter ginge.

Im Gegensatz zu Thierry hatte Therese allerdings weniger Bedenken, dass man ihnen wegen der von ihnen hinterlassenen Spuren das Verbrechen anlasten könnte. Schließlich waren die Morde sicher nicht alle an einem Tag begangen worden, genauso wenig wie der Ausbau dieses Horrorkabinetts. <Niemals wird man das alles auf uns zurück führen können, da bin ich mir sicher. >

"Um ehrlich zu sein, mache ich mir weniger Sorgen um die Beweislage. Glaubst Du ernsthaft, dass man uns all diese Morde anhängen könnte? Ich glaub das würde nicht einmal Durot schaffen, nachdem wie Marat sich hier eingerichtet hat. Streng genommen sind wir ja noch nicht einmal hier eingebrochen, da Marat uns die Schlüssel ja freiwillig überlassen hat."

Gab Therese deshalb zu bedenken, während sie sich erschöpft auf einem Mauervorsprung nieder ließ und ihre Hand nach Thierry ausstreckte, damit er sich neben sie setzte. Im sitzen würde das Nachdenken sicher leichter fallen und außerdem hätte Therese nichts dagegen, wenn Thierry sie dabei in den Arm nehmen würde.

"Wir können immer behaupten, dass wir den Schlüssel von Du Lac, dem Maler erhalten haben und nicht von Marat. Niemand außer uns weiß doch bislang, dass Du Lac in Wahrheit Marat ist, oder wer auch immer diese Bestie auch sein mag. Und es ist ja nicht einmal gelogen, dass wir nichts von diesem bestialischen Verbrechen geahnt haben. Wir kamen einfach hierher, um uns die Kunstwerke von Du Lac anzusehen, weswegen er uns freundlicherweise seine Schlüssel überließ."

So würde Therese es jederzeit schildern, ohne dabei rot zu werden oder gar ein schlechtes Gewissen zu haben. Warum auch?

"Ich mache mir eher Gedanken, dass man uns vorwerfen könnte wir würden die Polizeiarbeit gefährden, wenn wir das Verbrechen zu spät melden. Aber ich verstehe gut, dass du niemandem traust. Warum aber ausgerechnet dem obersten Richter Deponet? Du meinst er könnte sein Urteil revidiert haben? Hm … Ich weiß es leider nicht und ich weiß auch nicht, ob wir ausgerechnet ihm trauen sollten. Was, wenn er etwas mit dem Orden zu tun hat oder gar mit Durot zusammen arbeitet? … Aber gut, irgendwem müssen wir das Verbrechen ja melden. … Mir wäre zwar lieber, wir würden die Polizei rufen aber versuchen wir es bei Deponet. Also dann …"<Wem können wir schon trauen? Fouche? Durot? … Deponet? ...Anielle? … Der Kaiserin? … im Grunde wohl niemandem.>

Mit leicht zittrigen Fingern nahm Therese ihr Diensthandy und wählte die darin gespeicherte Amtsnummer des Richters. Ihr war zwar nicht ganz wohl dabei, aber letztendlich mussten sie handeln. Ihr Daumen verharrte noch einige Sekunden über dem Anwahlbutton, doch wenn Thierry sie nicht zurück hielte, würde in ein paar Sekunden das Telefon von Richter Deponet klingeln …
Therese Cabarrus
Comtesse de Belleville et Duchesse de Bari
Seigneuresse de Château Lafite
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